FLORIAN MERKEL

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2017/12/09 - 2018/01/12
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Erleuchtung, 1x1m, 2017


Florian Merkel – Gebuntete Bilder

In meiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Irrgang Berlin sind ausschließlich mit Hand colorierte Schwarzweißfotografien zu sehen, die, nach langer Unterbrechung, seit drei Jahren wieder zu meinem Repertoire gehören.
Um dieses Vorgehen zu hinterleuchten, ist ein Blick in die Fotogeschichte hilfreich.

Die manuelle Farbgebung war von Anfang an eine Begleiterscheinung der Fotografie, um im Interesse der Kundschaft dem mangelnden Naturalismus des monochromen Fotoabzuges abzuhelfen – was die wahren Meister der Lichtbildkunst allerdings verabscheuten.
Unter dem Namen der früher in Leipzig ansässigen Firma Keilitz ist deshalb seit vielen Jahrzehnten ein reiches Sortiment an flüssigen Lasurfarben verfügbar, die in unvergleichlicher Delikatesse einem schwarzweißen Foto zur entbehrten Farbigkeit verhelfen können.
Im Studium Anfang der 80er Jahre benutzten wir diese Farben für diverse Hilfsarbeiten, jedoch nie zu dem Zweck, für den sie geschaffen waren. Es war auch die Zeit, als der Photojournalismus vom kleinformatigen Diafilm geprägt war, welcher für Manipulationen schwer zugänglich ist – eine vielleicht 20 Jahre dauernde Phase einer vom Mief der Retusche befreiten Bildsprache im Gedruckten, die so nie wiederkommen wird.
Die manuelle Colorierung von Fotos war für ambitionierte Fotografen ein Sakrileg und Inbegriff der Albernheit an sich, schlicht Kunstgewerbe.

Diese Auffassung teilte ich damals und im Grunde auch heute noch.
Die Verlockung war aber doch zu groß und ich begann noch während des Studiums mit Lasurfarben zu experimentieren, Abzüge von inszenierten Fotografien mit dem Pinsel zu färben, ein Verfahren, das ich in den folgenden Jahren immer mehr ausbaute. Ich spielte ironisch mit einer realistisch anmutenden verstörenden Farbgebung, verließ dabei aber ganz selten den Bereich der eindeutigen Inszenierung.
Die Motive suchte ich oft in historischen Themen, die Grenze zur tabuisierten Kopie der Malerei bewußt überschreitend, deren Pathos durch die sichtbar bleibende fotografische Struktur ernüchternd gebrochen wurde.
Den Drang, tatsächlich farbig zu fotografieren, verspürte ich selten. Alles was ich an Farbenfotografie kannte, war für meine Zwecke nicht zu gebrauchen.

Anfang der 90er Jahre wurde die digitale Imitation der fotografischen Prozesse erschwinglich und handhabbar, man konnte bei der Fotoverarbeitung plötzlich das Gleiche wie im Labor anstellen und außerdem noch sehr viel mehr. Für viele Manipulationen, die bis dahin undenkbar waren, fiel ganz schnell die Hemmschwelle.
Eine der ersten Fotokünstlerinnen, die das thematisiert haben, war Inez van Lamsweerde, deren Körpermontagen, die ich als sehr realistisch in Erinnerung habe, bis an die Schmerzgrenze gehen.
Im Zuge dieser Entwicklung änderte sich die Einbindung meiner Colorierungen im Kontext der zeitgleich üblichen fotografischen Arbeitsweisen.
Ich erinnere mich an eine Diskussion junger Leute vor einem meiner Bilder, in der die Wortführerin genau erklärte, wie man so etwas eigentlich mit Photoshop herstellt. Für mich stellte bzw. stellt sich diese Frage umgekehrt. Ich hatte Versuche mit digitaler Colorierung gemacht, aber diese nur als Surrogat empfunden.
Als meinen Colorierungen endlich die konträre Exotik abhanden kam und deren subversiver Gehalt sich in den parallel entstandenen medialen Bildwelten auflöste, hörte ich damit auf.

Jetzt, fünfzehn Jahre später, ist die Situation eine andere. Die Digitalisierung der Bildproduktion hat mit ihrer Durchsetzung ihren Avantgardecharakter verloren, die visuellen Effekte fallen der Gewöhnung anheim. Immer wieder mal aufgeworfene Fragen nach Wahrhaftigkeit sind weniger von Bedeutung als suggeriert wird.
Die stattfindenden Umwälzungen betreffen weniger die Bildentstehung als die Formen der Rezeption. Die Körperlichkeit der Bilder wird obsolet, deren gefilterte flüchtige Displaypräsenz bei schneller Verteilbarkeit gerät zur Norm und ist an eine funktionierende Technik als materiellen Träger gekoppelt. Die Visualisierbarkeit der meisten Bilddaten ist damit, trotz gegenteiliger Versprechen, nur für einen relativ kurzen Zeitraum gegeben.
Die oben erwähnten Diafilme haben indes nach 30 Jahren ihre Farben eingebüßt, zerfallen und stehen als geschichtliche Referenzen auch nur eingeschränkt zur Verfügung. Damit ändert sich die bildhafte Erinnerung an Geschichte und deren Imagination: Die 70er Jahre sind jetzt lilabraun. Erwartungen der Betrachter koppeln sich an solche mehrfach kollektiv reflektierten Erfahrungen mit Bildern und es ist üblich geworden, historische Foto- und Filmaufnahmen in diesem Sinne in verschossenen Tönen einzufärben.

Grund genug, sich inmitten dieser Auflösung in Freiheit und unbelastet von der medialen Konkurrenz wieder den alten Verfahren zu widmen und ihre Stärken auszuspielen, die an das individuell hergestellte Einzelstück mit seinem Mikrokosmos gebunden sind.
Es scheint ein Trend zu sein: Mittlerweile kann man wieder ohne größere Probleme Filme kaufen und verarbeiten und besonders der unbedarfte fotografische Nachwuchs empfindet das manuell verarbeitete Foto als etwas Besonderes.

Dezember 2017